„Still Not in Our Name“ – Kreativ-Verwertung im Ruhrgebiet – ein Podcast von Joscha Hendrix Ende


Still Not in Our Name – kreativwirtschaftsverwertung im Ruhrgebiet
ein podcast von
joscha hendrix ende
für das
netzwerk x für kunst und soziales

"Still Not in Our Name" – Kreativ-Verwertung im Ruhrgebiet – ein Podcast von Joscha Hendrix Ende from Netzwerk X on Vimeo.

„Als die Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet auftauchte, waren wir kaum informiert.

Die Kulturhauptstadt ruhr2010 wirkte nachhaltig erklärend. Vielleicht lag es auch daran, dass wir gerade anfangen wollten unseren Lebensunterhalt ein bisschen mehr mit Kunst bzw. Soziokultur bzw. solidarischen Beziehungen in selbstorganisierten Räumen zu bestreiten.

Erst ging es bloß um Marketing. Ruhr2010 verkaufte ein strukturwandelndes Ungeheuer, einen sexy Bergbau-Kumpel sozusagen, bzw. creative Kumpel bzw. keine Kumpel bzw. nicht mehr jammern, jetzt wird subventioniert und wir machen was draus. Das Wort „subventioniert“ würde hier im Gegensatz zu „selbst erarbeitet“ liberal-emphatisch stehen bleiben, wären wir beim einzigen nicht „derwesten „funkemedienschamanstalt“ ruhrgebiets-medium, Ruhrbarone

(Gegenöffentlichkeit?)

Wie gesagt, das Ruhrgebiet brauchte einen neuen Schick, neue Klamotten oder Klomatten oder einfach Slogans und wir wollten was mit Kunst. Als wir dann 2010 ein Haus besetzen wollten, lasen wir von Stadtentwicklungsvorhaben in der Essener Nordcity und wie es der Zufall wollte, stand unser designiertes Haus gleich da und kaum besetzt rief der Chef von Kreativwirtschaft Ruhr an um uns zu helfen. Was läuft da? Wir hatten uns freundlich gegeben, am Gängeviertel in Hamburg orientiert, kreativ besetzt und künstlerisch, mit Ausstellung und so. (freiraum2010) Da es im Ruhrgebiet aber weder Stars noch Sternchen (naja,ey) bzw. Mäzenatentun und Kunsthochschule gibt (jedenfalls nicht so etepetete), gabs nix, das Gebäude, was wir besetzten war ja zudem hässlich und gehörte dem DGB. Warum erzähl ich das? Alles Frust. Frust. Frust. Weiter gehts…

Und dann also Kreativwirtschaft. Erste Lektürepflicht „Not in Our Name – Marke Hamburg“
ein Manifest von 2009. Da kommt vieles vorläufig auf den Punkt
(danke den autor*innen)

„NOT IN OUR NAME, MARKE HAMBURG!“

„Ein Gespenst geht um in Europa, seit der US-Ökonom Richard Florida vorgerechnet hat, dass nur die Städte prosperieren, in denen sich die „kreative Klasse“ wohlfühlt. „Cities without gays and rock bands are losing the economic development race“, schreibt Florida. Viele europäische Metropolen konkurrieren heute darum, zum Ansiedelungsgebiet für diese „kreative Klasse“ zu werden. Für HAMBURG hat die Konkurrenz der Standorte mittlerweile dazu geführt, dass sich die städtische Politik immer mehr einer „Image City“ unterordnet. Es geht darum, ein bestimmtes Bild von Stadt in die Welt zu setzen: Das Bild von der „pulsierenden Metropole“, die „ein anregendes Umfeld und beste Chancen für Kulturschaffende aller Couleur“ bietet. Eine stadteigene Marketing-Agentur sorgt dafür, dass dieses Bild als „Marke Hamburg“ in die Medien eingespeist wird.“

Soweit, so Ruhrgebiet. Als wir das Netzwerk X am 19.12.2011 mit 21 Gruppen aus dem Ruhrgebiet gründeten schrieben wir: „Wir sprechen nicht länger die Sprache der Versprecher, die uns ein U für ein X vormachen, Gameboywirtschaft als Kunst und Subventionierung von Immobilien als Kreativförderung verkaufen.“

Dazu passgleich heißt es im NOTINOURNAMEMANIFEST
(danke an die autorinnen – https://nionhh.wordpress.com/about/)

„Liebe Standortpolitiker: Wir weigern uns, über diese Stadt in Marketing-Kategorien zu sprechen. Wir sagen: Aua, es tut weh. Hört auf mit dem Scheiß. Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen. Wir wollen nicht dabei helfen, den Kiez als „bunten, frechen, vielseitigen Stadtteil“ zu „positionieren“. Wir denken an andere Sachen. An über eine Million leerstehender Quadratmeter zum Beispiel. Wir stellen fest, dass es in der inneren Stadt kaum mehr ein WG-Zimmer unter 450 Euro gibt, kaum mehr Wohnungen unter 10 Euro pro Quadratmeter. Dass sich die Anzahl der Sozialwohnungen in den nächsten zehn Jahren halbieren wird. Dass die armen, die alten und migrantischen Bewohner an den Stadtrand ziehen, weil Hartz IV und eine städtische Wohnungsvergabepolitik dafür sorgen. Wir glauben: Eure „Wachsende Stadt“ ist in Wahrheit die segregierte Stadt, wie im 19. Jahrhundert: Die Promenaden den Gutsituierten, dem Pöbel die Mietskasernen außerhalb.“

Soviel Wohnungspolitik hatten wir uns damals nicht zugemutet oder zugetraut. (Dafür gibt’s ja auch recht auf stadt ruhr) War unser Eindruck doch, dass aus dem Ruhrgebiet alle wegzogen und Mietsteigerungen der Zukunft angehörten. Der näheren, wie sich herausstellte.

Auch wenn es viele weitere Türen öffnet lohnt es sich das NOTINOURNAME Manifest weiterzulesen, da heißt es:

„Und deshalb sind wir auch nicht dabei, beim Werbefeldzug für die „Marke RUHRGEBIET. Nicht, dass ihr uns freundlich gebeten hättet. Im Gegenteil: Uns ist nicht verborgen geblieben, dass die Fördermittel für freie künstlerische Arbeit heutzutage auch noch zunehmend nach standortpolitischen Kriterien vergeben werden. Siehe KREATIVQUARTIERE: Wie der Esel der Karotte (carrot workers collective, yeah) sollen bildende Künstlerinnen den Fördertöpfen und Zwischennutzungs- Gelegenheiten nachlaufen – dahin, wo es Entwicklungsgebiete zu beleben, Investoren oder neue, zahlungskräftigere Bewohnerinnen anzulocken gilt. Ihr haltet es offensichtlich für selbstverständlich, kulturelle Ressourcen „bewusst für die Stadtentwicklung“ und „für das Stadt-Image“ einzusetzen.“

Das halten sie immer noch für selbstverständlich. Ja, das finden manche sogar gut, fließt ja Geld. Weiter geht’s – und auch da wuchern die Gleichheiten

„Mal abgesehen davon, dass die Symbolwirkung der Elbphilharmonie nichts an sozialem Zynismus zu wünschen übrig lässt: Da lässt die Stadt ein „Leuchtturmprojekt“ bauen. Was für ein Wahrzeichen!“

Da müssen wir uns fragen, ob dessen beste Ruhrebietskopie – das Dortmunder U – eins von vielen öffentlichen Millionengräbern mit diesen scharfspeienden Zuschreibungen mithält?

Kennt ihr das Dortmunder U? Zentrum für Kreativität? Ich schau nach… Zentrum für Kunst und Kreativität selbsredend. Und da ist er schon, der feine Unterschied: Kunst und Kreativität. UND. Kreativität ist also nicht Kunst, weil ist KREATIVWIRTSCHAFT.

Ein so viel benutztes Buzzword. Vielleicht könnt ihr an dieser Stelle pause drücken und Tino Buchholz‘ Film „Creativity and the capitalist city“ gucken…den Link findet ihr in der Beschreibung.

Mehr NOTINOURNAME…ist doch so peppig geschrieben:

„Uns macht es die „Wachsende Stadt“ indessen zunehmend schwer, halbwegs bezahlbare Ateliers, Studio- und Probenräume zu finden, oder Clubs und Spielstätten zu betreiben, die nicht einzig und allein dem Diktat des Umsatzes verpflichtet sind. Genau deshalb finden wir: Das Gerede von den „pulsierenden Szenen“ steht am allerwenigsten einer Stadtpolitik zu, die die Antwort auf die Frage, was mit städtischem Grund und Boden geschehen soll, im Wesentlichen der Finanzbehörde überlässt. Wo immer eine Innenstadtlage zu Geld zu machen ist, wo immer ein Park zu verdichten, einem Grünstreifen ein Grundstück abzuringen oder eine Lücke zu schließen ist, wirft die Finanzbehörde die „Sahnelagen“ auf den Immobilienmarkt – zum Höchstgebot und mit einem Minimum an Auflagen. Was dabei entsteht, ist eine geschichts- und kulturlose Investoren-City in Stahl und Beton.“

Ist das Ruhrgebiet jetzt endlich auch ne Marke, wie Hamburg, haben uns diese Kämpfe in voller Konsequenz längst erreicht? Ja und nein.

Wo ich ja jetzt, zeitweise, in Hamburg lebe, kann ich sagen: das Manifest war toll. Ansonsten ist das Problem, das mit Gentrifizierung, Stadt von oben, Image-wettbewerb und Kreativwirtschaft umsäumt wird, damit nicht in den Griff zu kriegen. Das richtige Wort für den Umgang mit dieser Rt von Absage ist: Awareness, Aufmerksamkeit.

Was können wir lernen, wenn wir für eine andere Stadt kämpfen wollen, aus diesen Instrumentalisierungen? Die Broschüren der Kreativwirtschaftsagenturen sind Lehrbücher der gestellten Fallen.

Ich mein, seien wir ehrlich, die meisten wollen ja erstmal nur ein günstiges Atelier für sich selbst, zu besseren Bedingungen. Das ist fein und sieht schnell nach erfolgreichem Kampf um Ressourcen aus. Speziell dabei ist, dass der Kreative seine Identität verscherbelt, seinen Brand, seine Marke und nicht unmittelbar seine Arbeitskraft. Der Vermarktungsagentur ist egal, was er oder sie macht, denn eins ist bekannt: Kunst ist in dieser Welt ein Luxus und Luxus können sich die erlauben, die nichts oder weniger zu befürchten haben…also müssen die Künstler*innen nur kommen und die Armen werden verdrängt. Das passiert dann vor Phase 3, wo sie dann wiederum von Menschen mit echtem Geld verdrängt werden. Das ganze bunte, hippieeske bemale ist dann eine willkommene illusorische Landschaft…

…ich glaub ich werde zynisch…ich muss aufhören…oder?!?

Mein Eindruck, damals, 2011 war: wir stehen schlecht da. Bislang waren wir ein fröhlicher Kindergarten von widerspenstigen Freundeskreisen und bald sind wir isolierte Ich-Ag’s ohne Hoffnung auf Artikulation politischer Bedürfnisse. War es doch von Anfang an klar, dass sich alles auf Konkurrenz, Abducken, Durchkommen, Überlebensinstinkt, Notlüge, Sachzwang, Realismus oder, bisschen hipper, Shizophrenie, negative Identifikation, Wut-Stau ausrichten würde.

Wartet kurz…ich hatte doch vorhin einen Gedankengang…ein Argument am laufen dranne…

Ach ja… die Creative City Ideologie macht die Genossen kreativwirtschaftsförderer erpressbar. Das las ich als erstes im NION Manifest. Die müssen ja was zu verlieren haben, dass man die so anpöbeln darf. Ungestraft und das im Land der angepassten Wünsche. Es ist also immer eine gute Idee gegen diese Agenturen aufzubegehren, bilden sie doch so etwas wie eine Top-Down-installierte Gewerkschaft. Der ganze Umweg von Betriebsrat zu Betriebsrat auf Prass-Urlaub auf Unternehmenskosten wird hier einfach übersprungen und wir bekommen gleich die ganz gelassen vorgebrachte Repräsentation durch die Interessen der Verwertenden serviert.

Es nützt alles nichts. Es ist nicht wichtig ob ihr Künstler*innen oder Kreative oder gar Kreativwirtschaftler*innen oder alles andere seid, was in meinem Sub-Biotop nicht so oft vorkommt. Mit einem unscharfen Blick sieht das nach einem Identifikationsproblem aus: identifierst du dich mit den Interessen, derer, die dich verwerten oder denen die empathisch, offen, unsicher und kritisch mit dir streiten? Auf dem zweiten Blick entwickelt sich ein Problem mit den Beziehungen, die ein auf gut Glück eingenommener Klassenstandpunkt gegenüber denen ergibt, die ihn scheinbar nicht einnehmen würden. Auf den dritten Blick braucht es dazu eine Analyse des Kapitals und dann Fetisch-Kritik, insbesondere an den eigenen Begriffen, eine queere Perspektive, feministische, postkoloniale Kämpfe, Widersprüche…

In Hamburg sagte eine Freund neulich zu mir: „Als dieses NION Manifest rauskam, haben wir es scharf kritisiert. Es mavht doch bloß diese Kreativ-Wichte bekannt.“ Ich würde ihm recht geben, doch dafür haben diese Strategien der Herrschaft zu viel direkte Wirkung auf unser Leben.

Danke fürs zuhören
wenn ihr dies vor dem 15.9.2018 hört
kommt zur rechtaufstadtdemo
träume unter asphalt
am 15.9.18 in duisburg

alle infos unter
realize-ruhrgebiet.de

oder netzwerk-x.org

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