„Keine Nazis, bitte!“ Wenn die Rechten rauskommen – am Beispiel Essen-Steele


Sind es nun Nazis oder nur Macker, Reaktionäre oder Identitäre, besorgte Bürger oder Schlägertrupps? „Wer Teil des Problems ist, sieht es wohl nicht,“ sagt die Aktivist*in. „Von der Tastatur aus habe ich den Überblick,“ ruft die Kommentator*in. „Ideologie bildet eine Totalität, deren Negation praktisch nicht zu leisten…“, eröffnet die Überflieger*in.
Was das mit Nazis in Essen-Steele zu tun hat? Denken sie selbst!

Seit Wochen demonstrieren Menschen gegen die sog. „Steeler Jungs“ und da Probleme in denen Menschen vorkommen sich nie allgemein, sondern immer nur spezifisch bearbeiten lassen, dokumentieren wir im folgenden drei Redebeiträge von der Demo gegen die sog. „Steeler Jungs“ am letzten Donnerstag, den 21.03.2019. 

 
im Alibi-Essen, Holzstr.12, Essen
DI., 26. MÄRZ UM 19:00

 

#1
So viele Nazis. Auch wenn die meisten nicht so genannt werden wollen. Die meisten? Naja. Einige schon. Der Mann von heute gibt sich Mühe, seine fragile Ekligkeit in Faschokutten zu tragen. Ob nun Identitäre oder sog. autonome Nationalisten, ob nun besorgte Bürger, Mütter gegen Gewalt, Hooligans gegen Salafisten oder sonstwas… Die Decke der Verstellung ist dünn. Unter ihr stets der selbe alte braune Matsch aus Rassismus, ,weiße Rasse über alles‘ oder als Tradition bezeichnete Frauenfeindlichkeit. Und jetzt also die Steeler Jungs. Nicht schon wieder. Nicht, dass wir es nicht wertschätzen können, dass sie sich tarnen müssen, weil sie Anschluss finden wollen. Sie verlassen sich auf die schweigende Mehrheit. Doch die existiert nicht. Es existiert nur Angstmache und offene Gewaltandrohung: ,vor Zecken schützen‘ stand auf dem Karnevalswagen der Steeler Jungs. Und wer nicht weiß, wer das ist: das sind die Gutmenschen. Jede, die sich für andere einsetzt. Jede, die hilft, jede, die nicht rassistisch ist. Jede, die das Töten an den europäischen Grenzen Mord nennt und so viele mehr… Es ist nicht schwer sich vorzustellen, welche Welt möglich ist, wenn gut ein Wort für böse ist.

Sie gehen also spazieren. Wenn also große Gruppen von Mackern in Gruppen herumlaufen, heißt das plötzlich Spaziergang. Ohne jede politische Botschaft. Selbstredend. Spart euch eure peinlichen Insiderwitze. Eure peinlich ausgedachte Pseudo-Taktik. Die Steeler Jungs sind noch peinlicher als die Identitäre Bewegung und das muss Mann erstmal schaffen.

Aber wenn ihr schon nichts sagt, dann können wir ja gucken. Ok, ihr seht aus wie eine Prügelgang, nen Mackerclan, nen Schlägertrupp… Und jetzt denkt mal nach? Wenn so ne Macker-Gang durch die Straßen zieht, was löst das aus? Das macht Angst. Also: Für die eine Person, die noch denkfähig ist: lauf nicht mehr mit. Und noch eins: Geschlechtergetrennte Gruppen sind auch nicht unser Ding. Wir sind alle nen bisschen Frauen und Männer – Mädels und Jungs – mit nen bisschen Lust oder Kunst oder Kuchen findet ihr das auch raus.

Wir sind heute hier, weil das so nicht geht. Wir werden mit allem was zur Verfügung steht, dafür sorgen, dass ihr euch nicht organisiert, dass ihr euch nicht zusammentut, dass ihr nicht mehr marschiert, dass ihr zweifelt und was anderes, was besseres macht.

Wir sind auch hier, weil wir eine ganz andere Zukunft im Sinn haben als eine ethnopluralistische (so heißt Rassismus heute), identitäre (so heißt Rassismus heute), echt männliche (so hieß Frauen- und Queerfeindlichkeit schon immer) und anti-gutmenschliche (so heißt Faschismus heute).

Wir arbeiten für eine solidarische, liebe- und lustvolle, queere, feministische Gesellschaft, ohne Staat und Nation, über bestehende Grenzen hinweg, zu einer Welt ohne Grenzen. Unsere Revolution ist eine zwischenmenschliche und selbst-organisierte – gegen Ausbeutung und Krieg, gegen den Kapitalismus. Diese Welt gehört uns.

 

#2
Seit Monaten treffen sich die Steeler Nazis öffentlich um ,ihren“ Stadtteil vor ,Zecken“ (das ist Nazijargon fiir Andersdenkende) zu schützen. Doch wer sind diese ,,Jungs“?

Eine Gruppe von Machotypen, die sich vor allem aus dem gewalttätigen Hooliganmilieu rekrutiert und von einem Bandido angeführt wird. Die Bandidos sind eine Rockergruppe aus der organisierten Kriminalität und machen Geschäfte mit Zwangsprostitution, Schutzgelderpressung, Drogen- und Waffenhandel.  Während im. Essener Norden mit harter Hand gegen sogenannte ,arabische Clans“ vorgegangen wird, um hier und da etwas unversteuerten Shishatabak zu finden, verfügen die Steeler Bandido-Nazis offenbar tuber ein freundschaftlicheres Verhältnis zur Polizei: Hier posiert man gemeinsam für Erinnerungsfotos. Ein beunruhigendes Signal im Angesicht nicht endender Naziskandale in deutschen Behörden. Stichworte: Verfassungsschutz & NSU, Polizei & NSU 2.0, Bundeswehr & Uniter e.V., usw…

Man stelle sich vor, 100 nicht-weiße oder nichtdeutsche Männer wiirden Woche für Woche durch Steele marschieren um ihren Machtanspruch zur Schau zu stellen. Es gäbe längst Razzien, Einsätze von Polizeihundertschaften, Besuche vom Innenminister Reul sowie Bild-Schlagzeilen und TV-Dokus über die unhaltbaren Zustände. Hier entlarvt sich nicht nur der Faschismus der Steeler Hooligans sondern auch der Rassismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Mit etwas Fantasie kann man sich ebenfalls vorstellen, wer die kriminellen Machenschaften im Essener Norden übernehmen wird, wenn die Polizei es dort schafft diesen Geschäftsbereich ,ausländerfrei“ zu bekommen (man mochte nicht sagen zu ,»arisieren“). Also einen Tattoo-Shop haben die Bandidos bereits am Viehofer Platz und der nahegelegene Naziladen Oseberg steht ebenfalls unter ihrem Schutz.

Wir wenden uns gegen alle unterdrückerischen, kapitalistischen und patriarchalen Strukturen: Egal ob mafiöse Rocker, reaktionäre Familienclans, rechte Bürgerwehren, die Polizei oder ausbeuterische Arbeitgeber.

Wir arbeiten für eine solidarische Gesellschaft, in der alle Menschen gleichberechtigt und unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Glauben miteinander leben. Dafür müssen wir aufeinander zugehen, unsere Erfahrungen und Ressourcen teilen,Privilegien und Vorurteile abbauen und menschliche Beziehungen aufbauen.

Alle zusammen gegen den Faschismus!

#3
Liebe Mitmenschen,

ich bin Aktive bei AUFSTEHEN GEGEN RASSISMUS und dem ANTIRASSIMUSTELEFON Essen.

Das Antirassismustelefon1 gibt es in diesem Jahr seit 25 Jahren in Essen.
Hauptsächlich ehrenamtliche Mitarbeiter*innen beraten Betroffene von Alltags- oder institutionellem Rassismus. 

Es ist eine unabhängige Einrichtung von Essener Bürgerinnen und Bürgern, die gegen rassistisch-faschistische Ent­wicklun­gen und für das gleich­berechtigte Zusammenleben der unterschied­lichen Kulturen aktiv sind.

Ich stehe hier auch als Person, deren Familie hier aus Steele kommt.
Auch deshalb fühle ich mich hier und heute verantwortlich bei lautem Protest dabei zu sein.

Mein Name ist Anabel Jujol Hoppen.

Kein Doppelname weil ich verheiratet bin, sondern weil meine holländische Mutter eine spanischen Einwanderer geheiratet hat, was zu solchen langen Namen führt.

Die Familie Hoppen war eine große, kinderreiche Arbeiter*innenfamilie in Steele. 

Mein holländischer Urgroßvater Hoppen war als Migrant aus Holland gekommen und hatte 9 Kinder.
Fast alle arbeiteten schon von Kindesbeinen an in der Glashütte Wisthoff .
Alle haben die NS Zeit überlebt, aber, was viel wichtiger ist, fast alle haben diese Zeit hier in Steele verbracht und mussten, Gott sei Dank, nicht zur Wehrmacht, wegen Ihrer holländischen Pässe.

Mein Opa, der 2012 mit 94 Jahren gestorben ist, hat eindrucksvolle Geschichten erzählt, davon, wie er die NS Zeit und die Kriegsjahre hier in Steele erlebt hat:

Von der Nachbarin mit Parteibuch, die ihre Mitbewohnerinnen schikaniert und denunziert hat, weil sie sogenannte Vierteljuden waren.

Von Freunden, Kegelbrüdern, die nach Rechts rückten und davon, dass alle Männer auf seinem Hochzeitsfoto außer ihm, im Krieg gestorben sind, auch der 19 jährige Bruder Alfred meiner deutschen Oma.

Eine Geschichte hat mich als besonders traurig beeindruckt:

Eines Tages wurde mein Opa als jugendlicher Mann Zeuge, als eine kahlrasierte Frau in einem Karren durch Steele gezogen wurde – von grölenden NS-Männern. Sie war halbnackt und trug ein Schild um den Hals, erzählte mein Großvater: „Diese deutsche Frau schlief mit einer Judensau!“
Voller Angst und Scham hätte er sich in einem Hauseingang versteckt, berichtete er.

Die „Steeler Jungs“ laufen hier, heute und jeden Donnerstag anknüpfend an solche grauenvollen Traditionen.

Aus der Verbreitung von Angst und Schrecken ziehen sie ihre Identität und ihr Selbstwertgefühl.

Ein trauriges Leben.

Für Menschen, die wegen beliebiger Merkmale in das „Beuteschema“ dieser faschistoiden Personen passen, ist das ein untragbarer Zustand, dass sie sich womöglich, nicht nur jeden Donnerstag, in Hauseingängen verstecken müssen. Dass 2019 Menschen wieder Angst haben müssen, vor rassistischer Gewalt in Steele und anderswo, ist unerträglich. Dass Menschen, die nicht unmittelbar betroffen sind, aber solidarisch sind oder unfreiwillig zu Zeugen werden, ebenso Angst haben sollen und müssen ist nicht hinnehmbar.

Wer stellt sich dazwischen, wenn ein Steeler Junge die Drohung (auf dem ach so lustigen Karnevalswagen) wahr macht und seine Faust erhebt, gegen die Person, die er für eine Zecke hält?

Verstecken Sie sich auch in einem Hauseingang?

Ich, wir alle hoffentlich, stehen heute hier gegen die Angst und für den Mut sich Rassismus und faschistischer Gewalt in den Weg zu stellen.
Solidarisch oder als Betroffene oder Beides.
Wir drehen uns nicht weg und weichen nicht vom Fleck!
Wir sind hier und laut!

Für eine Gegenwart und eine Zukunft in Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit!

ALERTA ALERTA ANTIFASCISTA!

1www.antirassismutelefon-essen.de

 

DI., 26. MÄRZ UM 19:00

Hier findet ihr noch den mindestens ebenso lesenswerten Redebeitrag des Bündnisses „Essen stellt sich quer“

Redebeitrag zum Internationalen Tag gegen Rassismus

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