„Die Verzichtbaren“ – ein kurzer Servicepost über Soforthilfe und später


Meryem Erkus, Kuratorin aus Köln, schlägt bei Facebook vor, dass wir (also die Künstler*innen aka Solo-Selbstständige) sich Soli-Shirts mit der Aufschrift „die Verzichtbaren“ drucken. Das wirkt angemessen. Die Autor*in dieses Textes hielt sich in ihrer Arbeit allerdings schon vorher für verzichtbar, beziehungsweise gleich überflüssig.

Kunst- und Gesellschaftsarbeit im eigenen Auftrag“, so fassten wir bei manchem Netzwerk X treffen unsere Arbeit zusammen. Als die 2000€ Soforthilfe ausgerufen wurden, war ich nicht davon betroffen. Na klar – ich könnte im Nachhinein Verträge schreiben und mir die Hutgagen zurückholen. Aber wer hier von was wie betroffen ist, ist ja grad die Schlüsselfrage. Es ist ja schon ein verlockendes Bild die Coronarisierung der Welt als eine überall gleiche und deshalb überall anders wirksame zu betrachten. Möchte 1 dieses Szenario dekorieren, dann kann es als große Sichtbarmachung der Unterschiede zwischen allen gesehen werden und gleichzeitig die distanzierende Solidarität als Ausdruck kommunistischer Beziehungsweisen.

Bin ich etwa schon von der Staubkorn- zur Universumsebene gewechselt? Nun. Gut, dass die 2000€ Soforthilfe da waren und dann auch schnell weg waren (schlecht). Vieles ist wohl weg und damit meine ich auch das Geld. Ich nehme mal an, dann sind die üblichen Fördergeber*innen von Stadt-Land-Fluss bald auch noch mehr Pleite. In der Stadt Essen gilt schon die Haushaltssperre light und irgendwie fehlt mir die Vorstellungskraft mir einen NRW Landeshaushalt 2021 vorzustellen. Kultur ist eine freiwillige Aufgabe und kann deswegen schmerzfrei verschwinden: Die Verzichtbarkeit ist also in den Haushalten schon eingeschrieben.

Ob die Lösung für dieses Dilemma (welches, hab ich denn 1 Spezifisches zum Trocknen aufgehängt?) ein „Bedingungsloses Grundeinkommen“ ist, welches über Petitionen zur Verhandlung erbeten, statt auf der Straße erkämpft ist? – Ich bin ja keine Reformist*in, aber ich helfe gern, also beginnen wir doch bitte die Verhandlungen mit Maximalforderungen, statt knapp über dem Hartz-4-Satz.

Mein Lieblingskampfschauplatz für Künstler*innen ist allerdings das allgemeine Lohnniveau und die viel zu langen Arbeitszeiten. Denn es gibt keinen anderen Kunstbegriff, als den der verzichtbaren Zumutung und somit bräuchten die Menschen, die keine Kunst machen sondern sie rezipieren wollen, mehr Zeit, weniger Stress und mehr Geld für meinen Hut.

Oh, sorry, das war ja ein Coronarisierungs-Servicepost. Ja, es darf nichts stattfinden. Plant ihr schon eine Baumumarmungsaktion, eine Fahrradtour, einen Audiowalk, ein Radiokonzert mit Rückrufaktion, Kreideverschenken auf dem Markt, Schlange-Steh-Demonstration beim Eisladen, Crowdfunding für den Pleite-Laden, queerkommunistische Weltrevolution?

Kontext ist Queen und ich hoffe ihr habt einen, im sozialen und gedanklichen Sinn.

Liebe Grüße
Joscha X Ende

 

Hier der Brief der „Kulturschaffenden“ an die Landesregierung zur Erweiterung der Soforthilfen

https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kolumnen/2020/offener-brief-der-kulturschaffenden-in-nrw-an-die-landesregierung-donnerstag-16-april-2020

Hier Gerhart Baum über die Soforthilfe des Bundes und das Rausfallen der freien Künstler*innen

https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/gerhart-baum-zu-soforthilfe-fuer-kuenstler-100.html

Hier eine Petition

https://weact.campact.de/petitions/corona-soforthilfe-nrw-soforthilfebeschrankungen-andern-und-rechtssicherheit-schaffen

Hier was von Verdi

https://medien-kunst-industrie.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++c7f660b8-8142-11ea-8196-001a4a160110

Oder gleich ein einstündiges Erklärvideo zur NRW Soforthilfe für Solo-Selbstständige

https://www.youtube.com/watch?v=3PWnKk6LGpU

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