Bericht von der Konferenz der kleinen Orte & freien Kollektive


Konferenz der kleinen Orte & freien Kollektive – Feb. 2019 in Oberhausen

Das war schön und erkenntnisreich! In entspannter Atmosphäre diskutierten, naschten, planten und vernetzten wir uns am Wochenende 23./24.02.2019 im Unterhaus und kitev-Turm in Oberhausen.

An beiden Tagen waren jeweils ca. 40 Personen aus Duisburg, Mülheim, Oberhausen, Essen, Witten, Bochum, Dortmund, Düsseldorf, Köln und sogar Bremen zu diesem Zweck angereist. 

Beide Tage begannen und endeten mit einem Plenum, in dem wir uns einander und die Themen des Tages vorstellten, und die KÜFA des Unterhauses versorgte uns mit vorzüglichem Abendessen (zusätzlich zu den veganen Zimtschnecken).

Am Samstag fanden drei Gesprächskreise parallel statt.

Im ersten „In kunstsozialen Orten“tauschten wir uns über die jeweilige Struktur unserer selbstorganisierten Orte aus und darüber, welcher Antrieb dahinter steckt, fragten nach Kooperations- und Vernetzungsmöglichkeiten mit anderen Aktiven (vor Ort und darüber hinaus) und hielten Problematiken mit Stadt/Verwaltung/Behörden fest. Das Vorhandensein und daraus folgend die Sichtbarkeit der einzelnen kunstsozialen Orte ist schlussendlich auch an die Frage nach Geld geknüpft und woher es kommt. Wir vertagten dieses Thema und die Frage, wie lange wir noch so professionell, aber prekär arbeiten können, auf den Sonntag – „Strukturförderung als Kunst Kontext Förderung“.

Im zweiten „Wie weit geht’s draußen?“versuchten wir uns Orientierung zu verschaffen über die Möglichkeiten künstlerischer und politischer Aktion im öffentlichen Raum. Mit geballter Kompetenz im Raum gelang es, spezifisch und konkret zu werden: Was passt zu welchem Zweck? Wie verbindet sich Kunst und Politik? Kommt darauf an!

Im dritten Gesprächskreis „Schon da…“tauschten ein Dutzend Kunst-Sozial-Aktive ihre Erfahrungen zur Arbeit mit Migrant*innen (insb. Geflüchteten) aus. Dass diejenigen, über die gesprochen wurde, selbst nicht mitsprachen, weil sie auf der Konferenz nicht anwesend waren, markierte bereits ein zentrales Problem: Die Diversität, die längst (im Ruhrgebiet schon länger) gesellschaftliche Realität, schlicht alltäglich ist, ist dies in kulturellen und auch in sich progressiv verstehenden kunst-sozialen Kreisen noch immer nicht. In den Initiativen, welche die miteinander Sprechenden vertraten, ist dies zumindest etwas anders. So gab es doch auch diverses Erfahrungswissen, das geteilt und gemeinsam reflektiert wurde. Insbesondere aber wurden Fragen und Vorschläge formuliert, deren Adressat*innen die Stadtgesellschaften, die Politik, die Migrant*innen sind – und als kritisch befragte nicht zuletzt wir selbst: wir in unseren je lokalen Initiativen und auch wir, das Netzwerk X.

Der Abend endete zur allgemeinen Erheiterung mit einer Orgie. Vorgetragen als szenische Lesung von Veronika Kracher und Daniel Degeest („The Cummunist Manifisto“).

Am Sonntag begrüßten wir die neu Dazugekommenen, stellten uns kurz vor und teilten uns dann in zwei Gruppen.

Im kitev-Turm wurde zum Thema „Strukturförderung als Kunst Kontext Förderung“ intensiv entlang kulturpolitischer Strukturen, daraus resultierenden Sachzwängen und bereits errungenen sowie in Zukunft erringbaren Freiheitsgraden durch solidarische Praxis diskutiert. Im zweiten Teil des Gesprächs wurde das vom Netzwerk X seit 2 Jahren als work in progress erarbeitete Konzept einer „Kunst-Kontext-Förderung“ fokussiert: als ein an das Land NRW zu richtender und/oder je lokal politisch einzubringender kulturpolitischer Vorschlag.
Die Diskussion nahm sowohl die Möglichkeit eines relativ pragmatischen Vorgehens in den Blick: die von nahezu allen freischaffend (sozial-)künstlerisch Aktiven aus eigener Erfahrung geteilte Einsicht in die Sinnhaftigkeit eines solchen, zwischen den Polen institutionelle Förderung und Projektförderungen angesiedelten, Förderinstrumentes, auf welche mit formell schon bestehenden Förderinstrumenten – z.B. städtischen Kulturbeiräten, die neben Projektanträgen auch solche auf strukturelle Förderung beraten und bescheiden – zu reagieren wäre; dies politisch einzufordern könnte zumindest auf lokaler Ebene argumentativ und kulturpolitisch-praktisch relativ einfach zu beginnen sein. Sie fokussierte aber auch die Probleme und Gefahren, die eine solche pragmatische Verkürzung mit sich bringt: dass der in den Vor-Arbeiten des Netzwerk X stets mitbedachte emanzipatorische Anspruch, der nicht auf beliebige Strukturen, sondern explizit auf solidarische, gesellschaftlich und politisch progressive sozial-künstlerische Praxen und die Kontexte ihrer Ermöglichung abzielt, im Prozess der Durchsetzung und Umsetzung einer lokal oder regional installierten Strukturförderung verloren geht. Zudem wurde auch die Frage (Sorge) erörtert, inwieweit (insb. bildende) Künstler*innen, die ihre Kunst-Praxis als individuelle begreifen und betreiben, im Modell einer Kunst-Kontext-Förderung vorkommen oder ob dieses Modell gar die Autonomie ihrer bzw. der Kunst in Frage stellt.
Inzwischen ist der Videomitschnitt einer Veranstaltung zum Thema Strukturförderung, die das Netzwerk X in Kooperation mit der Initiative DU erhält(st) Kultur am 30. November 2018 in Duisburg veranstaltete, online zu sehen. Teil 1 führt in die Thematik ein, Teil 2 zeigt den Versuch einer lokalen Debatte. Zu sehen sind beide Filme auf der Website von => DU erhält(st) Kultur

In der zweiten Gruppe ging es um linke Ladenprojekte. Ein Bericht hierzu ist bereits auf dem Recht-auf-Stadt-Ruhr-Blog => Realize Ruhrgebiet erschienen.

Erschöpft, aber glücklich verabschiedeten wir uns am Sonntag Abend mit informativen und performativen Teilen der gewonnenen Widersprüche, Fragen und Perspektiven – mit der flüssigen Absicht, dies nochmal zu machen.

Wir bedanken uns bei kitev und dem Unterhaus-Team für die Beherbergung und Bewirtung und bei der LAG Soziokultur NW für die Unterstützung und damit Ermöglichung dieser Konferenz. Und insbesondere danken wir allen, die an der Konferenz teilgenommen haben und hoffen, Euch beim nächsten Mal für Eure Arbeit bezahlen zu können!

Der Fürsprecher*innenkreis des Netzwerk X sowie weitere an der Organisation Mitwirkende


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