jetzt verneXen! X:TREFFEN am 8.9. in Bochum

Hallo liebe Leser*innen!

Es geht nicht um Wortspiele mit X, sondern um einen Zusammenschluss von Gruppen, die im Ruhrgebiet an der Schittstelle von Kunst und sozialem Raum arbeiten.

Lasst uns mehr werden, um gemeinsam Interessen vertreten und Ideen umsetzen zu können.

Bringt Euch ein, kommt zum X:TREFFEN!

Wann?
8.9. – 17 Uhr
Wo?
Haus der Begegnung in der Alsenstrasse 19, Bochum
Warum?
Weil ohne eine gemeinsame Organisierung Entscheidungen für uns, statt von uns getroffen werden!

Wenn Du/Ihr folgenden FÜR-THESEN zustimmmt, dann tretet mit eurer Iniatitive, eurem Projekt, eurem Laden, eurer Spielstätte, eurem Zusammenschluss, eurem Aktionsbündnis, eurer Kunstgruppe, eurem Kollektiv dem Netzwerk X bei!

FÜR-THESEN

Für Freiräume und Recht auf Stadt – Der öffentliche Raum ist Gestaltungs- und Lebensraum. Er soll und darf bespielt werden. Leerstände drinnen und draußen sind rechtlich blockierte Räume. Blockaden überwinden, Leerstände beleben, auch im Denken!

Für hierarchiefreie Kooperationsstrukturen – Gemeinschaftlich orientierte Organisationsstrukturen sind dauerhaft aufzubauen und in Reflexion stetig weiterzuentwickeln

Für mehr Unmittelbarkeit – Wir sind willens und kompetent, als Ansprechpartner für künstlerische, soziale und stadtplanerische Inhalte zu fungieren und über kulturpolitische Strategien und Ressourceneinteilung zu verhandeln.

Für engere Kooperation zwischen öffentlichen Kultureinrichtungen und freien Initiativen – Städtische Einrichtungen müssen Produktions- und Spielorte für künstlerische Arbeiten auch der lokalen und regionalen Szene sein.

Für Verteilungsgerechtigkeit in der Förderstruktur – Freie Initiativen handeln aus künstlerischen und sozialen Bedürfnissen, nicht nach einem auferlegten Masterplan.

Für das Ruhrgebiet – Wir alle leben und arbeiten im Ruhrgebiet und wollen hier bleiben. Das “Netzwerk X” sorgt dafür, dass dies leichter fällt. Wir vernetzen uns, damit das Ruhrgebiet für alle ein lebenswerter Ort bleibt und wird.

Kontakt:
info@netzwerk-x.org
017670844403

Kommentar zum Entwurf RVR-Kulturförderung

Lieber Regionalverband Ruhr!
(*als PDF lesen: RVR-Brief)

Mit großer Aufmerksamkeit verfolgt das Netzwerk X seit seiner Gründung 2011 die kulturpolitischen Weichenstellungen des RVR. Im Zuge unserer „X:PIKS“-Intervention 2013 haben wir darauf aufmerksam gemacht, dass im Rahmen der Nachhaltigkeitsarchitektur des RVR keine Säule für an der Schnittstelle von Kunst und sozialem Raum arbeitende, lokal verankerte und regional arbeitende und vernetzte Initiativen vorhanden ist.

Nun diskutiert der RVR die Einrichtung einer eigenen Kulturförderung für die freie Szene im Ruhrgebiet, was wir sehr begrüßen. Auch die geplanten Förderkriterien markieren einige Schwerpunkte und Ziele, für die wir uns seit der Gründung des Netzwerk X – praktizierend und fordernd – einsetzen visit here ilmaistapornoa.net

Der uns vorliegende Entwurf des RVR sieht u.a. vor:

• Förderung von Projekten, welche „die regional vorhandenen Potentiale sowie die Kulturinstitutionen und -akteure der Kulturmetropole Ruhr vernetzen und stärken“

• Förderung von Projekten, „die aufgrund ihrer Spartenzugehörigkeit bzw. ihres inhaltlichen Zuschnitts weder mit dem bestehenden Programmschwerpunkt ‚Künste im urbanen Raum’ noch mit dem der ‚identitätsstiftenden Großveranstaltungen’ kompatibel sind“

• Förderung von Projekten, „die den weiteren Ausbau interdisziplinärer und regional kooperativer Arbeits- und Produktionsweisen insbesondere im Bereich der Off-Kultur zum Ziel haben“

• „Ziel ist es, den Aufbau regionaler Netzwerkstrukturen für eine dauerhafte Zusammenarbeit zu unterstützen“

Dem so formulierten Zuschnitt der geplanten Fördermaßnahme stimmen wir ausdrücklich zu und halten – anders als im Sachstandsbericht vom 20.05.2015 (Anlage 1 zu Drucksache Nr. 13 /0201 / Kulturförderung des RVR 2015) vermerkt – die Umsetzung einer Maßnahme, welche diese Ziele verfolgt, für prioritär.

Leider jedoch sind weitere in den Förderkriterien und v.a. im Entwurf der Förderbedingungen formulierte Spezifika der geplanten Maßnahme unseres Erachtens diesen – endlich vom RVR explizit benannten, angestrebten – Zielen nicht oder nur wenig förderlich.

Aus unserer Sicht – basierend auf vielfältiger praktischer Erfahrung sowie Reflexion der kulturpolitischen Gegebenheiten in unserer Region – entstünde in Umsetzung des uns vorliegenden Entwurfs nur ein weiterer, relativ kleiner Kultur-Fördertopf neben den bereits existierenden lokalen (Kulturbüros) und regionalen (RKP Ruhrgebiet, LAG NW, Landesbüro freie Kultur NRW), auf welchen – anders als die o.g. Zielvorstellungen nahelegen und die Förderbedingung „kurze Projektbeschreibung (max. 1 DIN A4 Seite)“ wahrscheinlich anstrebt – doch wieder nur bereits antragsgeübte Gruppierungen zugreifen können und werden – und auch diese ohne eine anderswo nicht gegebene, besondere Möglichkeit.

Wir sind der Überzeugung: Der RVR kann mehr. Er könnte und sollte für die von ihm nun formulierten Ziele kulturpolitisch weit größere Schritte machen. Auf den folgenden Seiten benennen wir ein paar Einlaßstellen für eine deutliche Verbesserung der geplanten Fördermaßnahme, welche sie zu einer ihren Zielen effektiv dienenden machen könnte.

Für die weitere inhaltliche Diskussion bieten wir uns gerne als Dialogpartner, für die Umsetzung einer effektiven Fördermaßnahme des RVR für die freie Szene als strategischer Partner an.
Mit prekären und freundlichen Grüßen
Sarah Berndt, Joscha Hendricksen und Stefan Schroer
(für den FÜR e.V. des Netzwerk X)


FÜR e.V.: Kommentar zum Entwurf RVR-Kulturförderung

Einlässe zum Entwurf einer RVR-Kulturförderung für die Unterstützung der Arbeit der freien Szene im Ruhrgebiet, Beurteilung der vorgesehenen Förderkriterien und der Förderbedingungen. Anlage zum Brief des FÜR e.V. an den RVR vom 05. Juni 2015.

Wir benennen im Folgenden Stichpunkte, mit denen wir die Ansätze unserer Verbesserungsvorschläge kenntlich machen. Zum Teil markieren wir damit im RVR-Entwurf noch nicht Benanntes, zum Teil kritisieren wir vorgeschlagene Verfahrensregeln. Im mündlichen Dialog und auch schriftlich sind wir zur detaillierten Ausformulierung gerne bereit. Unsere Vorschläge wollen die im o.g. Brief an den RVR zitierten, von uns geteilten Ziele der geplanten Maßnahme befördern. Wir beginnen stets positiv: FÜR!

• Festbetragsfinanzierung – statt Fehlbetragsfinanzierung. Gerade den Nicht-Antrags-Profis der zu fördernden Off-Kultur muss die Möglichkeit gegeben werden, ihr inhaltlich gutgeheißenes Projekt (oder auch erstmal nur Teile daraus) umzusetzen, auch wenn der ursprüngliche größere (Finanz-)Plan gescheitert ist – oder wenn das bürokratische Knowhow (oder die Zeit oder auch: die Lust) fehlt, die nicht erhaltenen Co-Förderungen mit geldwerten Sachleistungen fördertechnisch korrekt zu kompensieren. Die so weiter nur der Projektumsetzung dienenden Energien werden, so unsere sichere, erfahrungsbasierte Einschätzung, sehr produktive sein.

• Werkvertrag – statt Abrechnung. Überschaubare Projekte mit einem klar formulierten/vorgesehenen öffentlich sichtbaren Ergebnis (Ausstellung, Diskussionsveranstaltung, Webpräsentation, Performance etc.) lassen sich noch einfacher befördern und damit ermöglichen: indem nicht ein Projektprozess finanziert wird, sondern das daraus entstehende Werk. Eine solche (regional bislang von keiner öffentlichen Förderstruktur gegebene) Modalität erreichte neue Akteur*innen und erleichterte allen ihre bürokratische Arbeit, mit Gewinn für die inhaltliche.

• Förderung investiver Maßnahmen – nicht alles ist ein Projekt. Die Reparatur einer Heizung, die Professionalisierung von Ton- oder Lichttechnik, die Beibringung eines bauordnungsamtlich geforderten Gutachtens für die (neue, erneuerte) Betriebsgenehmigung eines (sozio-)kulturellen Off-Ortes können weit effektivere Unterstützungen für Basis-Initiativen sein als Zuschüsse für ihre konkreten Projektarbeiten. Die Kosten (400 bis 4.000 EUR) sind überschaubare, die Effekte (ihres Vorhandenseins oder Fehlens) enorme. Es gibt bis dato keine regionale öffentliche Förderung, die solche Mikro-Investitionen möglich macht. Der RVR kann und sollte dies nun ändern.

• Basis – statt Kulisse. Für die nicht städtisch oder/und mit Landeszuschüssen strukturell geförderten (sozio-)kulturellen Orte in der Region gibt es bislang keine Möglichkeit, auch nur ihre Betriebskosten (geschweige Grundkosten: Raummiete, Personal) befördern zu lassen. Effekte sind dauernde Existenzangst, private Zuzahlung für die reine Existenz des Ortes statt Fähigkeit zur Selbstorganisation und damit Freiheit zu sinnvoller inhaltlicher, kultureller, künstlerischer Arbeit an/in ihm (und auch Verdienstmöglichkeiten mit diesen Arbeiten). Mit im Vergleich zu Fördervolumen professioneller kultureller Projekte (oder den täglichen Betriebskosten eines größeren Museums) marginalen Mitteln wäre für ein kulturell vielfältig lebendiges Ruhrgebiet mit der Ermöglichung einer Grundkostenförderung sehr viel zu erreichen.

• Einbeziehung der Antragsteller*innen in das Vergabeverfahren & (damit) Herstellung von Kollektivität/Vernetzung – anstelle eines weiteren „Black-Box“-Jury-Verfahrens für Antragsmonaden. Das Netzwerk X hat in seinem – vom RVR (Stiftung RUHR 2010) geförderten – Projekt INVERSCITY sehr positive Erfahrungen mit gemeinsamer Mittelvergabe gesammelt, von deren Struktur vieles auch institutionalisierbar wäre. Mit diesem – gut zu kommunizierenden und strukturell/institutionell/personell zu begleitenden – Ansatz sind im Ruhrgebiet bereits aktive Gruppen/Initiativen erreichbar, die bislang noch nicht auf dem Antragskarussell mitfahren. Zudem entstehen inhaltliche und strategische Verbindungen und auch konkrete Zusammenarbeiten zwischen den je Projektverantwortlichen und so über die Projektumsetzungen hinaus regionale Netzwerkstrukturen für fortgesetzte, dauerhafte Zusammenarbeiten.

• Selbstkritik – statt Identitätspflege. Die kritische Infragestellung der kulturellen, geschlechtlichen und regionalen Identität ermöglicht demokratische Teilhabe. Auf diese Weise können Privilegien und Defizite erkannt und in Bewegung gebracht werden. Eine bereits mit der geplanten Maßnahme als Fördervoraussetzung vorgeschriebene Identitätsstiftung (für was auch immer) ist ein Kriterium, welches bestimmte Projektansätze und im Konkreten substantielle Reflexionen, welche insbesondere von off-kulturellen Arbeiten für eine regionale Selbstverständigung zu leisten wären, per se ausschließt.

• Mehr ist mehr – 70.000 Euro sind kaum mehr, als die Stadt Duisburg (sic!) jährlich für ihre freie Szene vergibt, ein Bruchteil der lokal vergebenen Summen in Essen, Bochum, Dortmund oder weniger als der Gesamtetat von manchen (von ECCE+WMR zu befürwortenden, landesfinanzierten) Kreativ.Quartiere-RUHR-Projekten. 300.000 Euro dürften und sollten es schon sein. Dies entspräche allein dem Etat des jährlich einen Kooperationsprojekts von UKR mit der Ruhrtriennale. Mit (mindestens) diesem Etat wären die vom RVR mit dem jetzt vorgelegten Förderprogramm formulierten Ziele garantiert effektiv und nachhaltig zu erreichen. Hier nicht nur als (und schon gar nicht undifferenziert neben andere gestellte) Projektfördermaßnahme, sondern als neue Formen der Investiv-/Projekt-Förderung inkludierende strukturelle. Mit „X:PIKS“ (Dokument: http://netzwerk-x.org/xpiks-ein-kulturpolitischer-vorschlag) haben wir hierzu bereits 2013 einen Vorschlag veröffentlicht, den wir nun erneut – als eine mögliche (im Detail neu zu diskutierende, abzuwandelnde) Strategie zur Erreichung gemeinsamer Ziele – in die Diskussion einbringen wollen.

Weitere Fragen (etwa zur Kompatibilität zugesprochener RVR-Fördermittel mit Förderungen aus Landesmitteln) stellen sich. Wir verzichten auf weitere konkrete Einlassungen und halten stattdessen noch einmal fest: Wir begrüßen sehr die vom RVR aktuell geplante Förder-Initiative zur Stärkung im Ruhrgebiet bereits vorhandener (off-)kultureller Initiativen und Projekte. Wir unterstützen ausdrücklich die meisten der hierfür konkret formulierten Ziele. Wir wissen, dass diese Ziele in der vorgeschlagenen Förder-Struktur nicht oder kaum zu erreichen sind und schlagen deshalb ihre Veränderung vor. Die oben formulierten Aspekte markieren mögliche Ansätze zu ihrer Neufassung.

Wir stehen bereit für einen konstruktiven Dialog und auch für praktische Partnerschaft im Prozess der Umsetzung der geplanten Fördermaßnahme zur bestmöglichen Beförderung ihrer Ziele.

„Kreativwirtschaft ist eine Falsch-Bezeichnung“ – Stimmen aus dem Netzwerk X zur Ruhr2010 Nachhaltigkeit

Dem Netzwerk X wurden ein paar Fragen zur Entwicklung der Kulturlandschaft gestellt. Stefan Schroer und Joscha Hendricksen haben dazu ein paar Antworten geschrieben.

Die Besetzung von Gebäuden im Jahr 2010 durch KünstlerInnen in Essen (Freiraum2010) und in Dortmund (UZDO) machten deutlich, dass 2010 auch eine Dynamik in Antagonismus zur staatsfinanzierten, alles vereinnahmenden Kulturhauptstadt entfaltete. Was ist davon geblieben? Und ist das NetzwerkX ebenfalls als Reaktion auf 2010 zu verstehen? Oder war sie zumindest der Anlass?

S. Schroer:
Zwischen freier künstlerischer und/oder soziokultureller Arbeit und staatsfinanzierter Kultur besteht aus unserer Sicht prinzipiell gar kein Antagonismus. Die Frage ist schlicht, welche Kultur staatlich finanziert (also politisch gewollt, gefördert) wird und welche nicht. Also z.B. sog. Leuchtturm-Events und das Dortmunder U ja, dagegen werden ein avanciertes freies Theater und ein Off-Kulturraum im Kulturhauptstadtjahr zwar als Keimzellen eines Kreativquartiers geadelt, sie aber zugleich zu kreativwirtschaftlichen Unternehmen ernannt, die sich „am freien Markt“ behaupten sollen. So ein Quatsch produzierte den Widerstreit.
Es fand weniger Vereinnahmung statt als Ausgrenzung durch bewusste Nichtbeachtung. Die von soziokulturellen Zentren und freien Initiativen der Region getragene Kampagne „Kulturhauptstadt braucht Teilhabe“ forderte ja explizit programmatische Berücksichtigung und inhaltliche Aufnahme des im Ruhrgebiet kulturell bereits Bestehenden und sich hier lebendig Entwickelnden, auch seine Stärkung. Die Kampagne erklärte bereits 2009 ihr Scheitern. Das Netzwerk X gründete sich im Jahr nach 2010, und natürlich auch auf Basis der im Kulturhauptstadtjahr gemachten Erfahrungen. Wie sehr unsere Erfahrungen vergleichbare waren, erfuhren wir explizit erst auf dem Gründungstreffen des Netzwerks.

J. Hendricksen:
Es gibt ein Leben vor und nach dem Logo Kulturhauptstadt. Die Gründung des Netzwerk X 2011 ging aus der Erfahrung hervor, dass es bei den PlanerInnen der Kulturhauptstadt und ihrer Nachfolgeorganisationen an Expertise mangelt. Experimentelle, transformatorische, anarchische und politische Praxen wurden und werden nicht als Basis jener Prozesse verstanden, die sich die Kulturhauptstadt mit dem Slogan „Kultur durch Wandel – Wandel durch Kultur“ auf die Broschüren geschrieben hat. Die Strategie der Kulturhauptstadt und ihrer Nachfolgeorganisationen ist kein von kulturpolitischen Analysen und in Kooperation mit den Handelnden vor Ort entwickeltes, planerisches Handeln, sondern ein pragmatischer Kompromiss, dessen beste Seite jene Slogans sind, die uns weiter die Möglichkeit geben, Kritik zu üben. Die Beziehung zwischen den Handelnden und den Logo-ProduzentInnen bleibt aber eine Antagonistische. Seit 2011 gab es im Ruhrgebiet 10 weitere Hausbesetzungen und gibt es neben dem Netzwerk X nun auch ein „Recht auf Stadt“-Netzwerk.

Wie seht ihr denn seit der Gründung 2011 die Kultur der Region? Aktiver, vernetzter, selbstbewusster, sichtbarer? Oder kaum Veränderungen zu damals? Was ist aus Eurer Sicht denn von 2010 geblieben?

J. Hendricksen:
Wir sehen keine große Veränderung. Die Logo-Produzenten und Institutionen üben sich teilweise in einem zeitgenössischeren Auftritt: Die Ruhrtriennale bespielt Schaufenster, und Urbane Künste Ruhr kokettiert mit widerspenstigen KünstlerInnen. ECCE und seine Medien-Blase labkultur.tv haben ja von Anfang an post-moderne, „hybride“ Kulturkonzepte vorgeschoben. Für eine moderne, d.h. selbst-kritische Praxis mit Bezug auf denkende Menschen fehlt es an Partner*innen. Mittlerweile ist ECCE als Förderbuddy in den Kreativquartieren jedoch ein okayer Partner.
Die Kultur der Region ist ansonsten ärmer denn je. In vielen Städten gibt es keine Projektförderung und in anderen herrscht Haushaltssperre. Diejenigen, die nicht staatsfinanziert sind, müssen einen Eventbetrieb fahren, und die Aneignung und Nutzung leerstehender Räume und brachliegender Flächen ist für die Ruhrgebietspolitik nur denkbar, wenn am Ende ein Logo drauf und alles unter Kontrolle ist. Eigeninitiative muss erstmal abgesegnet und die Branding-Gewinne vom Stadt- und Regionalmarketing eingestrichen werden. Eine gute Art, im Ruhrgebiet Kulturwirtschaft zu betreiben, ist Kulturförderung zu machen und sich dafür fördern zu lassen. Kurz gesagt: Die Logo-Produzenten und Institutionen helfen sich selbst, statt den Menschen und der Region.

Eine Kritik war ja, die Kultur bei RUHR.2010 und vor allem in den Folgeprojekten diene lediglich als Werkzeug zur Wirtschaftsförderung. Seht ihr das Thema „Kreativwirtschaft“ heute gelassener, weil die Befürchtung der bloßen Instrumentalisierung von Künstlern ausgeblieben ist und sowieso nur funktioniert, wenn die auch mitmachen? Anders gefragt: Förderung von Kultur und Kreativwirtschaft von Oben – ist das gelungen, kann das gelingen?

J. Hendricksen:
Die Kritik war und ist, dass Kreativwirtschaft einfach eine Falsch-Bezeichnung für künstlerische und soziale Praxen ist. Es ist ja spezifisch das nicht-ökonomische, was diese Handelnden in eine besondere Beziehung zu Staat und Gesellschaft bringt. Je länger wir drauf geschaut haben, desto eher offenbarte sich das mit der sogenannten „Kreativwirtschaft“ eben als eine aus fördertechnischen Gründen gewählte Falsch-Bezeichnung. ECCE macht am Ende Kulturförderung. Da freuen wir uns zu einem Teil ja auch drüber, aber es bestätigt andererseits, dass die Architektur von Ruhr.2010 und die anschließende „Nachhaltigkeitsarchitektur“ Baulücken aufweist. Auf diesen gedanklichen Freiraum haben wir bei der RVR Kulturkonferenz 2013 hingewiesen, bei der uns bestätigt wurde, dass für an der Schnittstelle von Kunst und sozialem Raum arbeitende, lokal verankerte und regional arbeitende und vernetzte Initiativen, denen das Netzwerk X eine Stimme geben will, keiner zuständig ist. Das ließe sich immer noch ändern.

Stefan Schroer:
Das Experiment einer nachhaltigen Förderung von Basiskultur steht ja noch aus. Angesichts desolater kommunaler Haushaltslagen und weil auch wir das Ruhrgebiet als eine Einheit sehen, fordern wir deren Förderung ja ebenfalls „von oben“, also aus dem 4,8 Millionen Euro starken RVR-/Landesetat zur sogenannten RUHR.2010-Nachhaltigkeit. Und dass im aktuellen Stadium der kapitalistischen Regulation hierzulande eigentlich alles Wirtschaftsförderung sein muss, steht einem solchen Experiment nicht einmal entgegen. Aktuell wird intensiv eine neue Imagekampagne für das Ruhrgebiet gefordert, nicht zuletzt von der hier ansässigen Wirtschaftslobby. Die Kampagne solle authentisch sein, orientiert am Berliner „arm aber sexy“-Slogan. Sehr peinlich für die Logoisten der kulturell attraktiven „Metropole Ruhr“ und auch für die zig lokalen Hochglanzbroschüren-Photoshoper. Unser Vorschlag ist einfach: Gebt in den nächsten fünf Jahren mal die Hälfte des Etats von Urbane Künste Ruhr und ECCE in einen Fördertopf für im Ruhrgebiet aktive, lokal bis regional und zum Teil ja auch selbständig national bis international vernetzte Initiativen, lasst jenen Topf maßgeblich von diesen Initiativen selbst verwalten und erlaubt, aus dem bereitgestellten Etat auch strukturelle und investive – also nicht auf immer nur ein Projekt bezogene, sondern die alltäglichen Arbeiten befördernde, unterstützende, neue ermöglichende – Maßnahmen zu bestreiten. Wir sind überzeugt davon, dass die reale Basis für eine „arm aber sexy“-Kampagne damit (bzgl. ihres zweiten Attributs) entstünde, sichtbar würde, sich selbst kommunizierte und die Kampagne überflüssig machte. Also ja: Es kann gelingen. Es müsste nur versucht werden und vorher: gewollt.

Mein Eindruck: Es hat sich einiges sehr zaghaft in Richtung besser verändert: In Städten wird das Thema Kultur mit den Verantwortlichen weniger paternalistisch diskutiert (und öfter), es gibt viele neue Netzwerke und auch die Förderung für Kulturprojekte ist umfangreicher geworden. Auch die Neugier aufs Ruhrgebiet jenseits von einst Industrie und heute Fußball hat zugenommen. Wie nehmt ihr das wahr?

J. Hendricksen:
Erstens: Die Kulturförderung nimmt nicht zu, sondern kontinuierlich ab. Zweitens: Wenn das Thema Kultur vor Ruhr.2010 noch paternalistischer und seltener diskutiert wurde, dann ist das schade. Kultur von ihren sozialen und theoretischen Voraussetzungen abzuschneiden und zu einem urbanen Projekt zu machen, zersetzt allerdings die Grundlagen gesellschaftlichen Zusammenlebens, und dies ist Alltag. Drittens: Mehr Denkmaltourismus zu erwirken, ist der große Erfolg von Ruhr.2010. Die Grundlage dieses Erfolgs ist eine kapitalistische Landnahme an der blutigen Geschichte der Industriearbeit im Ruhrgebiet. Anders gesagt: mit dem Slogan „Schaut die Schindmühlen der Stahlproduktion“,  wären wir näher am Realen und weiter vom Marketing. Ein bisschen Schwund ist immer.