„Die Kulturhauptstadt geht – wir bleiben!“ (6/2011) von J. Brackmann


Kritik bleibt solange zeitlos, bis der Gegenstand der Kritik verschwindet. Unter diesem Motto werden hier in Zukunft Texte veröffentlicht. Den Anfang macht „Die Kulturhauptstadt geht – wir bleiben“ von Johannes Brackmann, Geschäftsführer des soziokulturellen Zentrums GREND in Essen und Vorstandsmitglied Vorstandsmitglied der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NRW

Die Kulturhauptstadt geht – wir bleiben!

Masterplan Kulturmetropole Ruhr auf dem Prüfstand

von Johannes Brackmann, Vorsitzender des Kulturbeirates der Stadt Essen und Geschäftsführer des GREND

Kritische Menschen haben es im Ruhrgebiet nicht leicht; schnell wird ihnen vorgeworfen, das Grossspektakel Ruhr 2010 ausschließlich nur kritisiert zu haben. Schnell wurde man gerne auch als Spielverderber und Kulturpessimist abgetan, als Jammerer oder auch als Neider. Zitat aus dem Masterplan: (1) „Gelernte Pessimisten halten die Kulturhauptstadt für ein temporäres Ereignis mit wenigen langfristigen Folgen und die Kulturmetropole besten falls für einen nicht realisierbare schöne Vision“. Um dann auch im gleichen Atemzug sich selbst (den RVR ?) zu den: Zitat „Optimisten und Ermöglichern“ zu erklären! Die Kulturhauptstadt ist aber gerade auch von ihren Kritikern immer wieder unterstützt worden, es wurden eigene und auch große Projekte realisiert, aber auch immer wieder – da wo es uns notwendig schien – kritisch begleitet

Seit Ende der 80er Jahre haben sich allerdings immer wieder zahlreiche Ermöglicher – insbesondere aus dem freien Kulturbereich – mit der Region und ihrer sozialen und kulturellen Wirklichkeit und Entwicklung beschäftigt;

– jahrelang wurde die IBA-Emscherpark kritisch begleitet und mit dafür gesorgt, dass bürgerschaftliche Initiativen im Rahmen dieses gigantischen Infrastrukturprogrammes stärker Berücksichtigung finden. Das Investitions- und Förderprogramm des Landes NRW „Initiative ergreifen“ war eines der Ergebnisse dieses Engagements.

– der Prozess der Entwicklung der regionalen Kultur im Ruhrgebiet noch unter dem damaligen Kultur- und Bauminister Michael Vesper wurde versucht mit zu gestalten; der Fördertopf der regionalen Kulturpolitik Ruhrgebiet stammt aus dieser Zeit. Daraus sind so wichtige Projekte entstanden und konnten bis heute gefördert werden wie „Odyssee-Kulturen der Welt, das Videofestival „Blicke aus dem Ruhrgebiet“, die regionale Plattform für zeitgenössischen Jazz
„jazzwerkruhr, aber auch Festivals wie das deutsch-türkische Literaturfestival Literatürk oder die aussergewöhnlichen Performanceprojekte der Dortmunder Künstlergruppe artscenico um den Theatermacher und Regisseur Rolf Dennemann.

– Seit 2003 gab es eine Auseinandersetzung und Beschäftigung mit der Entwicklung der Kulturhauptsstadt Ruhr – begeistert, aber auch mit vielen Fragen versehen. Immer wieder wurde versucht, mit Hilfe regionaler Netzwerke auf den Planungs- und Entwicklungsprozess von Ruhr 2010 Einfluss zu nehmen, insbesondere die „lobbyschwachen“ freien Kulturbereiche stärker zu unterstützen und ihnen adäquate Beteiligungsmöglichkeiten an und in der Kulturhauptstadt zu verschaffen.

– Mit dem von regionalen Akteuren aus der freien Kulturszene initiierten Appell:
„Kulturhauptstadt 2010 – Wir wollen gewinnen!“ haben sich damals hunderte von Kulturschaffenden aus der Region gegen die Einsetzung einer auswärtigen Intendanz der Kulturhauptstadt gewehrt; mit Erfolg könnte man rückblickend sagen!?

– Mit der Initiative „Idee sucht Partner“ ist versucht worden, partizipative Elemente und moderne Beteiligungs- und Vernetzungsstrukturen in die Ruhr 2010 zu implantieren – leider vergeblich. Die konstruktiven Ideen und Vorschläge regionaler Projektentwicklung im Bereich der freien Kultur wurden zwar nie offiziell abgelehnt, sind aber gleichwohl nach mehreren erfolglosen Gesprächen mit der Ruhr 2010 im diskursiven Sande verlaufen – spätestens als es um Frage einer finanziellen Unterstützung solcher städteübergreifender Netzwerkbildung und Entwicklung von Kooperationsprojekten ging

Es ist und bleibt eines der Versäumnisse der Ruhr 2010, sich im Nachgang zur Kulturhauptstadt nicht einer – wenngleich auch ersten – öffentlichen regionalen Auswertungsdiskussion zu stellen. Gerade auch, da nun die Kulturhauptstadt aus den Schlagzeilen der Medien verschwunden ist. Stattdessen wird man nun mit dicken Büchern, unzähligen Veröffentlichungen überflutet. Und alle erzählen mit Bild und Sprache Ähnliches; es war alles toll, super, klasse, hinreissend, und eigentlich „unmöglich „ Ein

breit angelegtes öffentliches regionales Forum mit der Fragestellung; was war gut (und das waren eine Reihe von Projekten) , was war nicht so gut (das waren auch eine Reihe von Projekten) und wie soll es mit der regionalen Kultur weitergehen, hätte der Kulturhauptstadt gut zu Gesicht gestanden und geholfen, die 2010 gesponnenen Fäden der regionalen Kooperationen weiter zu knüpfen, aber auch die positiven wie negativen Erfahrungen für die weitere Kulturentwicklung der Region zu nutzen.

Wenn es nun um die Frage geht, was die Kulturhauptstadt für die Region gebracht hat und wie es nun weiter geht, muss man sich zunächst die gesetzten Erfolgskriterien ansehen; denn nur dann wäre so etwas wie eine Evaluation sinnvoll. Grundsätzlich kann der Aspekt der Nachhaltigkeit sinnvoller weise erst in drei bis vier Jahren bewertet werden. Erst dann wird sich beweisen, ob die im Kulturhauptstadtjahr geknüpften Netzwerke gehalten haben, ob regionale Theaterkooperationen wie
z.B. im Rahmen des Odyssee-Projektes dann noch bestand haben werden – ggf. auch ohne eine üppige öffentliche Förderung wie in 2010. Und je nachdem, welche Kriterien angelegt werden – Besucherzahlen, öffentliche Aufmerksamkeit und Berichterstattung, Imagetransfer, etc. – wird man sicher auch zu unterschiedlichen Ansichten über die Frage kommen, ob die Kulturhauptstadt nun in dem jeweiligen Sinne erfolgreich war oder nicht.

Im Frühjahr 2007 sind die Erfolgskriterien der freien Akteure unter dem Motto: „Kulturhauptstadt – wir sind dabei“ formuliert worden. Daher sei noch mal an die wichtigsten Kriterien erinnert:

– Umfassende Beteiligung der regionalen Kulturschaffenden und Künstler/Künstlerinnen
– Kommunikation und Diskurs auf Augenhöhe zwischen den unterschiedlichen Akteuren schaffen
– Verstärktes Marketing für die kleineren Kulturorte, Projekte und Städte
– Transparenz herstellen über die Qualitätskriterien, ihre Anwendung und über die Verteilung/Finanzierung von Projekten
– Nachhaltigkeit über 2010 hinaus erzeugen
– Bevölkerung in der Region mobilisieren, beteiligen und mitnehmen (z.B. Diskussion über die Freigabe des 2010-Logos)
– Angemessene Beteiligung der kleinere Städte und der Ruhrgebietsperipherie
– „Realistische“ Bilder der Region transportieren

Damit ich hier kein Missverständnis aufkommt: : grundsätzlich hat die Kulturhauptstadt – gerade auch angesichts ihres knappen Budgets im Vergleich mit anderen Kulturhauptstätten – sicher eine Reihe positiver Wirkungen gehabt. Sie hat den Autor dieses Beitrages und viele andere motiviert, Projekte zu entwickeln und einige davon auch umzusetzen. Sie hat zu Investitionen angeregt, ohne das Ruhr 2010 dafür Geld in die Hand genommen hat (z.B. der Essener HBF). Sie hat zahlreiche Besucher und Gäste in die Region gelockt – davon hat vor allem die Stadt Essen, die Hotels und Pensionen, die Gastronomie profitiert. Es gab umfangreiche Berichterstattungen im In- und Ausland. Es gab gelungene Projekte wie z.B. die Schachtzeichen, das A40-Stillleben oder die zahlreichen Twins- Projekte, die Bevölkerung wurde zunehmend mit mobilisiert – und vor allem waren die Kommunen mit ihren Local-Heroe-Projekten, die zwar nur überwiegend lokal ganz gut funktioniert haben, stärker an der Kulturhauptstadt beteiligt, als man zu hoffen gewagt habe. Doch ohne die unterstützenden Landesfinanzierung wäre diese Beteiligung allerdings so nicht möglich gewesen wären. Also alles gut, alles gelungen, Ziel erreicht?

Vier Aspekte sollen hier herausgriffen und zur Diskussion gestellt werden, die den Autor– neben dem Aspekt der misslungenen Teilhabe und Transparenz im Vorfeld der Entwicklung des 2010-Programms
– beschäftigt und die notwendigerweise auch Auswirkungen auf die zukünftige Entwicklung der Region bzw. auf den Masterplan Kultur haben müssten.

Das ist/sind:

1: Fragen nach dem Image der Region: welches Image hat die Ruhr 2010 in Text, und Bild versucht zu transportieren? Ist dieses Image der Region angemessen? Und für wen? Welches Image wäre denn ein der Region angemessenes?. Und: wer definiert eigentlich diese Images?

2. Die Katastrophe um die Loveparade in Duisburg und der Begriff der Metropole:

3. Die Disparität zwischen öffentlicher Kulturbegeisterung im Kulturhauptstadtjahr und der finanziellen Situation der Kommunen im Ruhrgebiet

4. Die Blase um die Kultur- und Kreativwirtschaft

1. Zur Frage des Image:
Das Image des Ruhrgebiets ist aussen tatsächlich häufig noch geprägt von alten Vorurteilen: harte Arbeit, Malocherregion, Schmutz, Staub, Armut, wenig Kultur und wenn keine Bedeutende. Es entspricht nicht mehr dem, was sich an Wandel und Deindustrialisierung in der Region vollzogen hat. Ruhr 2010 hat sicher mit dazu beigetragen, ein anderes Bild der Region zu erzeugen. Doch welches Bild sollte geprägt werden? Das Image der Ruhr 2010 war ein reines Marketingimage, – geprägt von der Angst, die schönen bunten Bilder von illuminierten Zechen, post- und rostmodernen Gebäuden und den vielen jungen dynamischen Menschen könnten durch die ebenfalls vorhandene Bilder sozialer Disparität und urbaner Defizite – wie es sie im Ruhrgebiet immer noch massenhaft gibt – gestört werden getreu dem Motto: „Wir sehen das Ruhrgebiet so, wie wir es uns wünschen“.

Eins von vielen Beispielen: Das Ruhrgebiet war zwar einem massiven Deindustrialisierungsprozess unterworfen, trotzdem gibt es immer noch erhebliche Anteile an industrieller Produktion – selbst auch noch in der klassischen Schwerindustrie: im Duisburger Norden steht z.B. eines der größten und modernsten Stahlwerke Europas. Aus der Bildersprache der Ruhr 2010 – ganz im Gegensatz zum selbstbewussten Umgang der Stadt Linz mit ihrem innerstädtischen Stahlwerk – gänzlich ausgeblendet!

Fazit 1: Das im Rahmen von Ruhr 2010 aufgebaute und mit teurem Marketing transportierte Image der Region ist überwiegend geprägt von den Ansichten und Haltungen einer regionalen Definitionselite, die sich gerne mit Begriffen und Bildern von „unkonventionell“ und
„dynamisch/Modern“ schmückt, die überall sichtbaren Ecken und Kanten, Bilder sozialer Verwerfungen, ökonomischen Elends und tristem Alltag in der Region aber scheut wie der Teufel das Weihwasser. Ich denke, dass wir daher dringend eine Diskussion darüber brauchen, welches Image der Region in Bild und Text wir zukünftig transportieren wollen und vor allem: wer dieses Image entwickelt und prägt? Dabei geht es vor allem darum, woraus sich das regionale Selbstbewustsein der hier lebenden Menschen speisst: Selbstbewusstsein bedeutet für mich nämlich so ein Satz wie: „Wir waren schon Ruhries lange vor der Kulturhauptstadt!“

2. Die Loveparade und der Metropolenbegriff
Die Katastrophe der Loveparade im Sommer 2010 war ein tiefer Einschnitt in die Euphorie der Kulturhauptstadtmacher; ein – wenn gleich auch nicht direkt gefördertes –offizielles Projekt der Ruhr 2010 gerät ausser Kontrolle; 21 Tote und über 500 Schwerverletzte; bis heute fühlt sich niemand verantwortlich für dieses Desaster – immerhin übernahm der Chefgeschäftsführer der Ruhr 2010 Fritz Pleitgen als einziger zwar eine moralische „Mitverantwortung“ – rechtlich und haftungsmäßig blieb dies aber folgenlos.

Im Februar 2010 wandte er sich aber noch in seiner Funktion als Geschäftsführer der Ruhr.2010 GmbH gegen eine mögliche Absage der Duisburger Loveparade: „Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft auf die Beine zu stellen.” Auch Dieter Gorny, der künstlerische Direktor von Ruhr.2010 für ‚Kreativwirtschaft’, äußert sich 21.1.2010 wie folgt: Zitat: „Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich international zu blamieren, als wenn man diese Chance verpasste. (…) Nach der tollen Eröffnung [des Kulturhauptstadtjahres] dürfen wir nicht dafür sorgen, dass andere behaupten, die kriegen nichts hin. (…) Eine richtige Metropole kann das stemmen.” (2)

Abgesehen davon, das die Loveparade längst kein Fest mehr der Szenekultur war, sondern das durchkommerzialisierte Einzelunternehmern eines Fitnessbudenbesitzers, auf das die Metropole Berlin souverän verzichten konnte, ist nicht zu unterstellen, dass der öffentliche Druck auf die Stadt Duisburg allein ausschlaggebend für das Loveparade-Desaster war. Dies hat die mutige Absage der Stadt Bochum als Durchführungsort – gegen erhebliche öffentliche Widerstände -gezeigt. Vielmehr war wohl ein Bündel aus unterschiedlichen Gründen die Ursache. Allerdings hat schon damals der schon in der Bewerbungsphase der Ruhr 2010 aufgebaute Metropolenbegriff nicht die Struktur des Ruhrgebiets getroffen; er bleibt trotz aufwendigem Marketing aufgesetzt und im Bewusstsein der Bevölkerung hier nicht verankert. Der Druck, sich mit den großen Weltmetropolen wie Paris, London, etc. messen zu wollen (ich erinnere an das tausendmal gezeigte Lieblingsbild von Ruhr 2010-Co- Geschäftsführer Oliver Scheytt: „Das Ruhrgebiet vom Weltraum aus gesehen“) hat sich – zumindest

am Beispiel der Loveparade – als kontraproduktiv und schädlich erwiesen; zumal der Metropolenbegriff darüber hinaus eine historisch überholte Struktur des Machtzentralismus und antidemokratischer Strukturen des 19ten Jahrhunderts kennzeichnet. Das Ruhrgebiet hat nun mal kein Zentrum, es fehlt wie in den großen Metropolen u.a. an der notwendigen Verdichtung von Szenen und Milieus sowie einem metropolitanen Nahverkehrssystem. Mit seiner polyzentrischen Struktur entspricht die Region dagegen eher modernen Netzwerkstrukturen (Rhizomen), genau die gilt es in einem produktiven Miteinander von Zentralität und Dezentralität auszubauen und weiter zu entwickeln. Das vielgescholtene Kirchturmdenken in der Region hat insofern nicht nur eine berechtigte historisch/ökonomische Grundlage, sondern kann in diesem Sinne auch überaus produktiv genutzt werden. Produktivität durch Dezentralität!

Fazit 2: Ruhr 2010 hat die Chance zu einer Diskussion um die Frage, in wie weit der Metropolenbegriff für die Region angemessen und zukunftsträchtig ist – nicht genutzt, sondern im Gegenteil – nicht nur den Imageschaden durch die Loveparadekatastrophe schnell ausgeblendet und zu den Akten gelegt. In dem im Mai 2011 erschienenen Chronik-Buch der Ruhr 2010 (3) wird die Loveparade unter der Rubrik „Feste feiern“ gerade mal mit einer viertel Seite erwähnt. Hier gibt es, rade auch in Hinblick auf die Diskussion um den Masterplan Kultur, erheblichen Nachholbedarf. Fragen müssen gestellt und in breitem Dialog Antworten darauf gefunden werden. Wie z.B.: : Was zeichnet eigentlich eine Metropole aus? Wollen wir überhaupt eine Metropole (im historischen) Sinne sein? Führt die Verwendung des Metropolenbegriffs möglicherweise nicht eher zu uneinlösbaren Anspruchshaltungen und Denkmustern, die einer adäquaten Entwicklung des Ruhrgebiets im Wege stehen? Was ist die Region stattdessen? Ein Ballungsraum? Eine „andere Metropole“, eine Kulturmetropole neuen Typs, ein Städtehaufen? Eine Metropole im Entstehen? Ein Schrumpfungsraum? Und wie war das noch mal?
Der Begriff „Ruhrgebiet“ erinnere zu sehr an „Zonenrandgebiet“?

3. Die Disparität zwischen Kulturbegeisterung und öffentlicher Armut
Mitten im Kulturhauptstadtjahr tobte ein Kampf in den Kommunen um die immer knapper werdenden finanziellen Ressourcen; fast alle Ruhrgebietsstädte hatten und haben weiterhin Nothaushalte und stehen unter dem Kuratel des Regierungspräsidenten. Fast alle Kommunen des Ruhrgebiets konnten sich daher nur deshalb am Programm der Ruhr 2010 beteiligen, weil das Land ihnen eine Sonderzuwendung gewährt hatte. Gleichzeitig sollte überall gespart werden – vor allem bei den freiwilligen Leistungen; Soziales, Kultur, Kinder- und Jugend, Bibliotheken, Schwimmbäder. In Wuppertal wollte man dem Schauspielhaus 30% vom Etat kürzen – was das Ende dieser u.a durch Pina Bausch europaweit bekannten Einrichtung bedeutet hätte, die Essener TUP sollte sieben Mio Euro einsparen, der renommierte Bahnhof Langendreer in Bochum musste wegen einer Mittelkürzungen noch zu Ende des Haushaltsjahres 2009 Kurzarbeit für seine Mitarbeiter abmelden um zu überleben, die alte Feuerwache in Duisburg schlitterte in den Vollkonkurs, im Juni 2011 musste das Hundertmeister in Duisburg ebenfalls Insolvenz anmelden. Nur einige Beispiele einer endlosen Kette von Beispielen. Überall gab es Appelle und Aufrufe: In Dortmund, in Wuppertal, Mülheim, der
„Essener Appell“ im Zusammenschluss mit zahlreichen anderen Kommunen und natürlich auch der spektakulärste Appell des Jahres: die LAG-Soziokultur startet im Frühjahr 2010 ihren „Aufruf der OberbürgermeisterInnen, BürgermeisterInnen, KämmererInnen, KulturdezernentInnen und KommunalpolitikerInnen sowie der Kulturschaffenden“ unter dem bewusst provokanten Motto: „Wir machen den Scheiss nicht mehr mit“.

Sicher; die Kulturhauptstadt war und ist natürlich nicht verantwortlich für die kommunalen Finanzmisere – die ungleiche und politisch gewollte Verteilung zwischen privatem Reichtum und öffentlicher Armut, eine ungerechte Steuerpolitik und immer mehr gesetzliche Aufgaben beuteln die Kommunen ja schon seit Jahren. Es wundert allerdings schon, dass bei einigen baulichen Leuchttürmen im Kulturhauptstadtjahr – wie das Museum Folkwang, die Küppersmühle im Duisburger Innenhafen oder auch das Dortmunder U – nicht nur die Baukosten ins Absurde gestiegen sind, sondern auch die zusätzlichen Betriebskosten (beim Folkwangmuseum mal eben 3,9 Mio €/Jahr) den Druck vor allem auf die freien Kultureinrichtungen erheblich verstärkt haben. Wie soll da Motivation für 2010 aufkommen? Woher sollte die Kraft für die zeit- und kostenintensive Entwicklung regionaler Vernetzungsprojekte kommen, wenn unter Bedingungen existenzieller Not gearbeitet werden muss? Wann hat die Ruhr 2010 in ihren Programmen danach gefragt? Und welche Antworten hat sie versucht darauf gegeben? Wer setzt sich für die in immer prekärer werdende Verhältnisse rutschende freie und soziokulturelle Szene ein? Wer fragt danach, wie die neuen Arbeitsplätze der Kulturwirtschaft aussehen? Wer setzt sich dafür ein, dass Stadtteilbibliotheken nicht weiter geschlossen, Sprachkurse für Migranten nicht weiter wegfallen und die Gebühren an den Volkshoch- und Musikschulen nicht weiter steigen?. Alles Kulturwirtschaft, oder was?

Fazit 3: Die Kulturhauptstadt war ja – positiv gedacht – auch ein wichtiges Schutzschild gegen noch weitere Kürzungen im Kulturbereich. Nun ist sie vorbei, der Druck auf den kulturellen (und sozialen) Sektor wird voraussichtlich – trotz wirtschaftlich guter Konjunkturlage – weiter steigen. Es wird weitere Schließungen, Kürzungen und Insolvenzen geben. Ein wie auch immer gestrickter Masterplan Kultur Ruhr darf dieses Thema nicht einfach ausklammern; er muss dieses existenzielle Problem zum Thema haben und nach Möglichkeit auch adäquate Antworten bzw. Bewältigungsstrategien dafür liefern.

4. Die Blase um die Kultur- und Kreativwirtschaft
„Ruhr 2010 –das große Illusionstheater“, so titelt der WAZ-Redakteuer Frank Stenglein seine Kolumne von Dezember 2010 (4) zur Frage, was kommt nach der Kulturhauptstadt: „Dienstleistungsboom, Kultur und aufgeblasenen Wortschöpfungen wie „Kreativwirtschaft“ verleiten nicht zuletzt die regionalen Eliten zu dem Glauben, es genüge, wenn wir uns gegenseitig die Haare schneiden (eigentlich kein schlechter Vorschlag!), Theaterstücke vorspielen und alte Zechen auf Hochglanz polieren“. Er bemängelt die fehlende Auseinandersetzung der Ruhr 2010 mit dem demografischen Wandel sowie das fehlende zur Kenntnisnehmen „ein paar harter Fakten“ – das Schrumpfen der Städte, die Abwanderung von Bevölkerung in prosperierende andere Regionen, das fehlen von ausreichenden Arbeitsplätzen. Sicher; fast 50% der Beschäftigten in der Region arbeiten mittlerweile im Dienstleistungssektor; aber immer noch liegt der Anteil der Beschäftigten im primären und sekundären Sektor bei 28%. Trotzdem; Die Gegenwart sieht trist aus. Im Wettbewerb der Städteregionen zu ihrer ökonomischen Lage belegt das Ruhrgebiet stets die hintersten Plätze. Erst vor kurzem hat das Manager-Magazin in seinem Ranking der deutschen Wirtschaftsstandorte Dortmund auf Platz 289 gesetzt. Die zweitgrößte Stadt Nordrhein-Westfalens steht dort neben Delmenhorst. Essen kam auf Platz 166 – als beste Ruhrgebietsstadt.

Stenglein bewertet vielleicht die „hardfacts“ zu hoch – ähnlich wie Ex-Programmdirektor und ECCE- Chef Dieter Gorny die Kreativwirtschaft zu sehr aufgeblasen hat. Stengleins kulturellem Abwertungsdiskurs muss man aber auch nicht folgen. Richards Floridas Idee von der kreativen Clusterbildung und der daraus abgeleiteten Prosperisierung der Ökonomie von Städten wird – und da hat Stenglein Recht – im Ruhrgebiet so nicht funktionieren. Die Zeit schreibt im Januar 2010: “Designer, Grafiker, Journalisten, Fotografen – das Proletariat der kreativen Industrie, auf die man nun im Ruhrgebiet setzt“.

Fazit 4: der Hype um die Kreativwirtschaft ist eine Blase, die schon an ihrer aufgeblasenen Größe zu scheitern droht. Der massenhafte Verlust von industriellen Arbeitsplätzen im Ruhrgebiet ist auch nicht nur annähernd durch die in den vergangenen Jahren tatsächlich zur beachtlichen Größe aufgeschwollenen Kreativwirtschaft aufzufangen. Bleiben wir hier also mal auf dem Teppich: so wichtig wie es ist, hier entsprechende Impulse zu setzen, so sollten wir unser Erwartungen an den kreativwirtschaftlichen Aufschwung ein Stück weit den realen Verhältnissen anpassen. Wichtig ist vor allem das zu fördern und zu entwickeln, was es an zahlreichen kulturellen, kreativen und vor allem jungen Potentialen in der Region gibt und weitere Abwanderungen von Talenten und kreativem Potential zu verhindern; und das ist eine ganze Menge. Dazu gehören nicht nur seit mehr als 10 Jahren arbeitende Projekte wie z.B. das jazzwerkruhr, sondern vor allem auch solche Ínitiativen wie die jungen Künstler und Aktiven des UZ in Dortmund oder auch die Freiraum-Gruppe in Essen, die erst mit Hausbesetzungen öffentliche Aufmerksamkeit, allerdings bisher leider wenig Unterstützung bekamen.

Generell gilt aber auch: Neben Kultur und der Entwicklung der Kultur braucht es auch einen produzierenden bzw. ökonomischen Kern, der auf Zukunftsfähigkeit ausgerichtet ist; Innovation City
„Bottrop“ kann da als Beispiel dienen, erneuerbare Energiegewinnung, emmissionsfreie Mobilität, neue Recycling- und die Entwicklung ressourcenschonender Produkte und Produktionsverfahren, der Ausbau des ÖPNV u.v.m.– hier liegt mit Sicherheit eine wichtige ökonomische Zukunft für die Region. (Anm: der Autor stammt aus Bottrop…)

Ausblick
Doch genug gemeckert; die Kulturhauptstadt ist ja nicht – wie einige geglaubt haben – angetreten, um die gesamten Problem der Region zu lösen. Der Masterplan Kulturmetropole Ruhr – in der noch vorliegenden Form – wird dies aber auch nicht schaffen. Schon gar nicht mit solchen Plastikwortungetümen wie; Zitat (5) : „Kreative Metropolregion“, „vernetzte Innovationsräume“ oder

„kompetenzfeldorientierte Metropolenstrategie“ oder noch schlimmer: „transdisziplinäre Metropolenkompetenzfelder“ “. Infrage zu stellen ist auch die Sinnhaftigkeit, kulturelle Entwicklung entlang von Bereichen wie: Theater & Performing arts, Städte- und Metropolentransformation, Interkultur/Kulturelle Vielfalt, der Kreativwirtschaft sowie in „einfache Kompetenzfelder“ und
„Basiskompetenzfelder“ zu fördern.

Was gebraucht wird, ist eine offene und ehrliche Analyse der Verhältnisse in der Region, die Benennung der Stärken (das hat Ruhr 2010 ausführlich getan). aber auch der Schwächen (das hat sie ausführlich nicht getan). Erst daraus lassen sich dann zukünftige Handlungsstrategien und Entwicklungsfelder ableiten, wie z.B.

– kulturelle Teilhabe (Stichwort Kulturpass für Einkommensschwache),
– Partizipation und zeitgemäße Formen der kulturellen und künstlerischen Beteiligung
– die Bewältigung der Finanzkrise der Kommunen und die Auswirkungen auf die kulturelle Infrastruktur und Entwicklung
– die Bewältigung des demografischen Wandels (Interkultur/Migration, die Schrumpfung der Bevölkerung, die Alterspyramide)
– die Entwicklung von Experimentierräumen und –möglichkeiten für die junge nachwachsende Künstlergeneration,
– die Thematisierung von Urbanisierungsdefiziten und sozialer Ungleichheit in den Städten der Region mit Mitteln der Kultur
– den Abbau der seit Jahren sich verschärfenden Förderungerechtigkeit zwischen der sogenannten Hochkultur und der Freien Kultur/Soziokultur

um nur einige zu nennen!

Aus dem was hier schlaglichtartig beschrieben wurde, lassen sich abschließend folgende Anforderungen an einen – mal schlicht genannten „Kulturentwicklungsplan Emscher/Ruhr“ ableiten.

Die Kulturhauptstadt war u.a. angetreten, um beispielhaft zu zeigen, dass eine regionale, städteübergreifende Zusammenarbeit möglich ist. Genau dieser, im Rahmen von Ruhr 2010 durchaus erfolgreich umgesetzte Handlungsstrang, sollte nun verstärkt aufgegriffen und Eingang in den Masterplan finden. Wir brauchen daher vor allem:

– eine Vernetzungsförderung/Vernetzungsagentur für verschiedene Themenfelder und Sparten, die Akteure aus der Region zusammenhält und zusammenbringt, bestehende Kooperationen begleitet und fördert und neue städteübergreifende Kooperationen entwickelt (Theater- Museums-, Konzerthaus, Soziokultur, und Kooperationen im Freien Kulturbereich…)

– eine vernünftige möglichst mehrjährige Förderung langjährig bestehender und erfolgreich arbeitender Regionalprojekte und Festivals wie z.B. die internationalen Kurzfilmtage, das weltweit renommierte Jazzfestival in Moers (das jährlich 50.000€ Budget einsparen muss!), aber auch Projekte wie jazzwerkruhr, das Odyssee-Festival, Blicke aus dem Ruhrgebiet, u.a.

– eine regionale Produktionsgemeinschaft der Freien Kultur/der Soziokultur; mit einer jährlichen oder zweijährigstattfindenden großen künstlerischen Produktion an jeweils unterschiedlichen Orten der Region

– Ein auch nach 2010 über die Region hinausgehendes Marketing und europaweiter Austausch der regionalen Potentiale und Aktivitäten – unter Berücksichtigung der freien und soziokulturellen Projekte und Aktivitäten

– Eine transparente Mittelvergabe der regionalen Mittel an Hand nachvollziehbarer Kriterien

– Eine ausreichende Förderung des künstlerischen Nachwuchses; d.h. adäquate und preisgünstige Raumangebote, der Aufbau von regionalen und kommunalen (Zwischen)Nutzungsagenturen, kostenlose Förderberatungen, etc.

– Und wir brauchen vor allem: einen regelmäßigen, öffentlichen regionalen Diskurs über die Frage des aktuellen Zustandes und der zukünftigen Entwicklung der Region und ihrer kulturellen Entwicklung

„Die Kulturhauptstadt geht – wir bleiben“, steht auf der Internetseite eines bedeutenden soziokulturellen Zentrums im Ruhrgebiet. Wenn dem so ist, und dem ist so, dann sollten wir doch alle gemeinsam dafür sorgen, dass das Erreichte nicht nur in seinem Bestand gesichert wird, sondern auch zukunftsfähig gehalten und neue Entwicklungen möglich werden. Dazu gehören Ideen, Mut, Flexibilität, die Bereitschaft zur regionalen Zusammenarbeit und natürlich vor allem auch – Geld!.
Gleichzeitig müssen die Kulturschaffenden in der Region gemeinsam Sorge dafür tragen, dass Kultur nicht nur als Standort-, Wirtschafts- und Imagefaktor und als kreative Ökonomie gesehen, sondern vor allem in ihrer eigentlich Bedeutung war genommen wird; als unverzichtbarer Teil des menschlichen Lebens, als Quelle der Inspiration und Sinngebung, als Teil gesellschaftlicher Emanzipation und einer humanen Entwicklungsperspektive für das Ruhrgebiet.

(Zitate Quellennachweise)

1. Masterplan Kulturmetropole Ruhr, Kurzfassung des Beschlussvorschlages. Invent GmbH, im Auftrag des RVR
2. Zitiert nach: Thomas Ernst: Die Erfindung der ‚Metropole Ruhr’ und ihre tödlichen Folgen. Plädoyer für einen Paradigmenwechsel im Ruhrgebiet nach der Katastrophe von Duisburg, Juli 2010. www.thomasernst.net
3. Ruhr.2010 – Die unmögliche Kulturhauptstadt. Chronik einer Metropole im Werden, S. 206. Klartext-Verlag, Essen 2011
4. WAZ Essen vom 11.12. 2010
5. Masterplan Kulturmetropole Ruhr; Hrsg: RVR

Autor: J.Brackmann/Juni 2011.

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